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2006 Europa – die große Freiheit ?

„Ich bin dreiundzwanzig Jahre alt. Diese Jahre habe ich in Europa gelebt.
Aber trotzdem habe ich Europa nie gesehen.”


So beginnt der Essay der jungen ukrainischen Schriftstellerin Tanya Malyarchuk. Am Abend des 9. August 2006 steht sie in Berlin auf der Bühne, vor 350 Zuhörern im Kleinen Saal des Konzerthauses am Gendarmenmarkt. Sie ist gestern erst nach Deutschland gekommen, es war schwierig genug auf die Schnelle das Visum für sie zu bekommen. Zum ersten Mal in ihrem Leben ist sie im Westen. Und liest mit etwas zittriger Stimme, solche Auftritte in einem fremden Land und vor einem vollen Haus ist sie nicht gewöhnt, den ersten Abschnitt ihres Essays in ihrer Muttersprache.

„Eine öffentliche Vorlesung von Essays? Das hört sich nicht gerade aufregend an. So ging man skeptisch zur Veranstaltung,” schrieb die Stuttgarter Zeitung. „Doch die Zweifel verflogen nach wenigen Minuten. Im Theaterhaus war etwas Besonderes zu erleben... Ganz locker in Sneakers und T-Shirt betraten zwei Autorinnen und vier Autoren nacheinander die Bühne. Keiner von ihnen hat das Alter von dreißig Jahren erreicht, aber jeder schon mindestens einen Roman veröffentlicht. Jeder Autor las eine Minute in der Muttersprache aus seinem Essay. Wunderbar war es, sechs Sprachen zu hören. Dann trugen zwei Rezitationsprofis die Essays vor. Berivan Kaya, die Theater spielt und für das Fernsehen und das Kino arbeitet, las kühl und bisweilen ironisch angeschärft, der Schauspieler und Krimihaudegen Dietrich Mattausch temperamentvoll-prägnant. Was war das Besondere des Abends? Dass hier Leute aus ganz verschiedenen Ländern sprachen, die wirklich etwas zu sagen hatten, kluge, sarkastische, provokative Köpfe. Zu hören waren keine Politikersprechblasen, sondern es wurde Tacheles geredet. Absolut faszinierend war es, mit sehr divergenten Blicken auf „Europa” und „Freiheit” und was immer diese Begriffe bedeuten mögen, konfrontiert zu werden. Der Franzose Camille de Toledo sagte höflich „Bonsoir” und bezeichnete sich umgehend als „Kind Europas”. Tanya Malyarchuk aus der Ukraine begrüßte das Publikum auf Russisch und ... beschrieb sarkastisch die Sehnsucht der Ukraine nach Europa. „Europa ist, wenn man alles Nötige und ein bisschen mehr als das kaufen kann”. Auch der Blick des Palästinensers Atuf Abu Saif kommt von außen. Für ihn ist Freiheit in Europa das Ziel von Menschen, die woanders leben. „Freiheit macht keinen Sinn, wenn man kein Geld hat, ein Ei zu kaufen”. Das schreibt der Däne Jonas T. Bengtsson, der schon „drin” ist, folglich interne Kontraste westeuropäischer Länder reflektieren kann. Die Tschechin Petra Hulova dagegen kommt noch aus einer sozialistischen Gesellschaft und geißelt die Egalisierungstendenzen des kapitalistischen Warenangebots... Für Hulova geht es um etwas anderes: die „Freiheit sich zu äußern und zu reisen”. Solche Errungenschaften aber seien prinzipiell gefährdet, man müsse für ihren Erhalt eintrete, sonst hätten wir irgendwann „ein Europa mit Stacheldrähten und Burkha tragenden Frauen”. Rashid Novaire, Sohn eines Marokkaners und einer Niederländerin, ... spürt Identitätsverwirrungen nach, wenn er von seiner polnischen Großmutter berichtet, die von Bottrop nach Holland emigrierte und sich dort als Deutsche fühlte”.

So weit die Stuttgarter Zeitung.
Wir sind stolz und froh, dass diese erste Deutschland-Reise von Young Euro Connect gleich in mehreren wichtigen deutschen Blättern Erwähnung gefunden hat. „So unterschiedlich diese Geschichten sind,” fasste etwa die „Süddeutsche Zeitung” zusammen, „so nahe sind sich die Gefühle ihrer Autoren. Europa, ja, das heißt vor allem Freiheit und Toleranz, unabhängig vom geografischen Standpunkt. Diese Geschichten sollten in Straßburg und Brüssel gehört werden”.

Ein guter Rat. Aber Europa, das ist unsere feste Überzeugung und deshalb machen wir dieses Musik-Festival und den Essay-Abend, ist nicht allein und nicht mal in erster Linie eine Sache der Politiker. Europa ist eine Sache der Bürger. Sie müssen spüren, was dieses Europa bedeutet. Sonst wird es bald nichts mehr bedeuten.

Kunst und Kultur, Musik und Literatur sind mehr wert für Europa als 1000 Verordnungen und 100 Gipfeltreffen. Und „unsere” kleinen Essays haben in diesem Zusammenhang ihren Sinn.
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