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2007 Europa – grenzenlos gleich?

„Von den drei Idealen, die Young Euro Connect behandelt – Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit –, war mir Gleichheit am liebsten, weil sie mir am zweischneidigsten erscheint. Einerseits ist sie sehr wünschenswert – es wäre schön, wenn alle unter gleichen Voraussetzungen leben könnten. Andererseits finde ich Gleichheit auch gruselig. Ich mag Vielfalt.“ Auf diese Weise beschreibt Ariane Grundies, die einzig deutsche Teilnehmerin bei Young Euro Connect 2007, ihren persönlichen Zugang zu der Frage: „Europa – grenzenlos gleich?“.

Neben Ariane Grundies widmeten sich 2007 fünf weitere junge Autoren dem Thema „Europa – grenzenlos gleich?“. Goce Smilevski, der junge Mazedonier, dessen 2002 erschienener Roman „Unterhaltung mit Spinoza“ bereits in fünf Sprachen übersetzt wurde, ist einer von ihnen. Auch sein Essay leiht uns seinen persönlichen Blick auf Europa – aus einem Land jenseits der Grenzen der Europäischen Union. „Europa ist das, was unerreichbar ist, das, was Sehnsucht ist. Deshalb meine ich, dass wir, die wir diesseits der Grenze der Europäischen Union geblieben sind, wir Kunstgeschichtler, die wir vielleicht niemals vor den Bildern eines Brueghel stehen werden, wir Musiker, die wir vielleicht niemals die Möglichkeit haben werden, die Mailänder Scala zu betreten, wir „anderen“ Europäer, für die die Grenze der Union geschlossen ist und die wir in unserem kleinen abgetrennten Staat zu bleiben haben – dass wir trotz aller dieser Verhinderungen privilegiert sind in unserer Beziehung zum europäischen Geist. Uns bleibt die Sehnsucht nach Europa. Sehnsucht aber ist die Vorbedingung für Liebe. Und sich in Liebe mit Europa zu befinden, ist kein kleiner Trost.“

Es sind diese kleinen persönlichen Sichten auf die großen europäischen Ideale – in diesem Jahr auf die Gleichheit –, die bei den Lesungen von Young Euro Connect bewegen. Die Süddeutsche Zeitung schreibt dazu: „Die sechs von der Jury ausgewählten Beiträge ergeben ein individuell-selbstkritisches literarisches Mosaik mit einer emotionalen Nähe, die man in Geschichtsbüchern vergebens sucht.“

Der österreichische Autor Michael Stavaric präsentiert einen temporeichen Text, der die Gleichheit akribisch durch Europas Länder jagt – eine Bestandsaufnahme der Ungleichheit: „Und 150.000 Frauen aus Osteuropa arbeiten illegal in italienischen Haushalten und putzen und kochen und sorgen für den Hund und die Kinder.“ Der israelische Autor Yiftach Ashkenazy und sein niederländischer Kollege Hassan Bahara zeigen sich von einer europäischen Gleichheit nicht überzeugt und geben Einblick in andere Ungleichheit. Während das Europa von Yiftach Ashkenazy ein Europa der Erinnerungen ist, prallt die Gegenwart auf seine israelische Realität: „Im Gegensatz zu Europa ist unsere einzige offene Grenze das Meer.“ Der Autor Hassan Bahara zeichnet den Alltag niederländischer Immigranten nach und schließt: „Sie streben zwar nach Gleichheit, aber auf eine weniger romantische Art, als das Wort vermuten lässt. Sie streben nach Gleichheit, so wie ein Gewaltopfer den Wunsch nach Vergeltung hat für das Leid, das ihm angetan wurde.“

Der französische Autor Jérôme Lambert beginnt seinen Essay: „Wenn Ihnen jemand etwas von Gleichheit in Europa erzählt, so ist er ein Lügner. Wer Ihnen von Gleichheit in der Welt erzählt ist ein Träumer.“ Über die Unerbittlichkeit, die er in den Texten der anderen Autoren wieder findet sagt er: „Das schockt mich nicht, ich habe nichts anderes erwartet.“ Und doch gewinnt auch er neue Einblicke, und Blickwinkel dadurch „dass meine Gefährten mir ihre Augen, ihre Ohren, ihr politisches Bewusstsein und ihre Fragestellungen geliehen haben.“ Die Süddeutsche Zeitung schließt sich an: „Sehr persönliche, nachdenkliche und kritische Gedanken sind das, die mehr von Europa erzählen als alle Geschichtsbücher und politischen Reden zusammen.“ Die Autoren präsentierten diese Gedanken in Berlin und gingen dann auf Deutschlandreise nach München und Stuttgart. Die Essays blieben die gleichen. Und die Gedanken zu Europa? Später soll Jérôme Lambert über diese Lesereise schreiben: „Und doch habe ich das Gefühl, wir fünf sind auf einer gemeinsamen Mission: Beweisen, dass es da etwas gibt, was es auszudenken gilt.“
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